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Gendern mit * funktioniert nicht in gesprochener Sprache! – Doch.

Gerade gibt es viel Diskussion um das Gendersternchen, eine Schreibweise, die neben Männern nicht nur Frauen in die Sprache einbezieht, sondern auch alle anderen Geschlechter. Der Rechtschreibrat diskutiert darüber, ob das Genderstern als Empfehlung in den Duden aufgenommen werden soll. Das Bundesverfassungsgericht hat geurteilt, dass im Behördenregister neben „männlich“ und „weiblich“ eine dritte Option eingeführt werden muss.

Das Gendersternchen wird seit vielen Jahren von vielen Menschen bereits genutzt und wird immer bekannter.

Leider hält sich das Vorurteil, man könne das Gendersternchen in der gesprochenen Sprache nicht hören.

Der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch erklärt in seinem Blogbeitrag Gendergap und Gendersternchen in der gesprochenen Sprache (sprachlog.de, 09.06.2018), wie das geht und wie es sich anhört.

Henne oder Ei…was ist „richtiges Deutsch“?

Die Amtssprache ist durch den Duden festgelegt. Aus amtlicher Perspektive gibt es in unserer Sprache ein klares Richtig und Falsch: Alle Wörter, die der Duden aufführt, existieren, alle andere Wörter werden als nicht-korrektes Deutsch empfunden. Es gibt Richtig und Falsch in der Rechtschreibung und in der Setzung der Satzzeichen. Wir können uns daher zumindest in der schrifltichen Sprache am Duden orientieren.

Gleichzeitig sprechen wir aber auch Sätze, die grammatikalisch nicht korrekt sind, wir verwenden Wörter, die der Duden (noch?) nicht aufführt.

Denn: Sprache verändert sich, da sich die Welt verändert. Wörter wie Handy, Tablet oder Kitaplatz, gibt es erst, seit es Handys, Tablets und Kitaplätze gibt. Sie wurden nicht vom Duden erfunden, sondern haben sich entwickelt und wurden von Menschen in ihrer Sprache benutzt. Und so ändert sich auch der Duden: Regelmäßig werden Wörter und Regelungen aufgenommen, da sie seit Jahren in der Alltagsprache der Menschen vorkommen.

Wenn wir Sprache bewerten, stellt sich also die Frage: Was ist „richtiges“ Deutsch? Die Sprache derjenigen, die sie jeden Tag benutzen? Oder ein Regelwerk/Buch, das einen gemeinsamen Konsens an Regelungen und Wörtern bündelt?

Momentan berät der Rechtschreibrat über das Gendersternchen – soll es in das Regelwerk als gendergerechte Schreibweise mit aufgenommen werden? Einen interessanten Gastbeitrag zu diesem Thema schreibt der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch auf tagesspiegel.de:

„Diese und andere Experimente zeigen, dass das ‚generische‘ Maskulinum eine grammatische Fiktion ist und alternative Formen eine Daseinsberechtigung haben. Der Rechtschreibrat muss das aber gar nicht diskutieren. Laut Satzung soll er die ‚Schreibentwicklung‘ beobachten und Vorschläge zur ‚Anpassung des Regelwerks an den allgemeinen Wandel der Sprache‘ machen. Und der Wandel im schriftsprachlichen Umgang mit Geschlecht ist längst sichtbar – die oben genannten Formen finden sich seit Jahrzehnten im Sprachgebrauch verschiedener alternativer Subkulturen und sind von dort aus in die Kommunikation von Medien, Unternehmen und Behörden gelangt.“

Den ganzen Artikel gibt es hier: Nützliche Sternchen brauchen keine Amtshilfe. Von Anatol Stefanowitsch, 07.06.2018, tagesspiegel.de

 

Soll das Gendersternchen in den Duden?

Heute, am 08.06.2018, diskutiert der Rat für deutsche Rechtschreibung darüber, ob das Gendersternchen oder andere geschlechtergerechte Schreibweisen in den Duden aufgenommen werden sollen.

Wie es dazu kommt und andere Hintergründe gibt es z.B. auf tagesspiegel.de: Kommt das Gendersternchen jetzt in den Duden? (Anja Kühne, 17.05.2018)

Gendergerechte Sprache als demokratische Pflicht (sueddeutsche.de)

Die Sprachwissenschaftler*innen Damaris Nübling (Universität Mainz) und Henning Lobin (Universität Gießen / Universität Mannheim) erklären in einem Artikel auf sueddeutsche.de, warum die Annahme, das generische Maskulinum würde beide Geschlechter meinen, aus sprachwissenschaftlicher Sicht falsch ist.

Außerdem sehen sie in der Verwendung von gendergerechter Sprache nicht nur ein Gebot der Höflichkeit, sondern viel mehr eine demokratische Pflicht:

„Vor diesem Hintergrund ist es also nicht nur ein Gebot der Höflichkeit, mit und über Menschen in der öffentlichen Kommunikation so zu sprechen, dass Männer und Frauen explizit benannt sind – allein das sollte ja eigentlich schon Grund genug sein, dies zu tun. Es ist darüber hinaus geradezu eine demokratische Pflicht, die Entfaltung von Chancengleichheit und -gerechtigkeit nicht schon durch die Ablehnung geeigneter sprachlicher Mittel zu behindern.“

Den ganzen Artikel gibt es hier: Geschlechtergerechte Sprache ist demokratische Pflicht, D. Nübling und H. Lobin, sueddeutsche.de, 06.06.2018

Petition von pinkstinks.de zu gendergerechter Sprache

Auf pinkstinks.de läuft gerade eine Petition zum Thema gendergerechte Sprache. Die Kultusministerkonferenz wird damit aufgefordert, renommierte Linguist*innen im Fachbereich gendergerechte Sprache zu beauftragen, um eine Entwicklung gendergerechter Sprache bzw. eine gendergerechte Sprachreform auszuarbeiten.

Mehr Infos und die Möglichkeit zu unterzeichnen gibt es hier:

https://pinkstinks.de/gendersprache/

 

Das generische Maskulin – eine lange Tradition?

Wie berichtet, entscheidet der Bundesgerichtshof gerade darüber, ob Sparkassen gendergerechte Sprache anwenden müssen. Oft wird argumentiert, dass das generische Maskulin eine lange Tradition hat und daher beibehalten werden kann. Aber stimmt das überhaupt?

Diese und andere spannende Fragen stellte SZ online dem Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch. Er sagt dazu:

„Nicht das generische Maskulin ist 2000 Jahre alt. Sondern das Patriarchat.“

Das ganze Interview: Liebe Leser, das folgende Interview ist auch für Frauen gedacht, SZ online, 22.02.2018